ШТОРА-ОКНО-ИСКУССТВО [ROLLO-FENSTER-KUNST]

Sammlung
Abmessungen
Gesamt H: 104 cm B: 83 cm T: 14 cm
Datierung
Inventarnummer
B 75 - 92
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Beschreibung
Das vorliegende Objekt geht zweifellos am stärksten auf die herkömmliche Funktion eines Faltrollos ein. Hoch- oder heruntergelassen, eröffnet oder verschließt es die Sicht auf das Private, das nur bedingt für den fremden Blick bestimmt ist. Der Künstler entschied sich hier für eine Variante, die einen freien Blick auf das Fenster größtenteils zulässt. Löst man hingegen den Zugfaden vom Schließmechanismus des Fensters wird jenes schlagartig vom Faltrollo bedeckt. Das papierne, unbemalte Rollo ist auf der Höhe eines hölzernen und mit Glasscheiben ausgestatteten Fensterrahmens angebracht. Die Rahmung weist deutliche Alterserscheinungen wie Rost, abgeplatzte Farbe und Löcher von Holzwürmern auf. Hinter den Fensterflügeln steht auf schwarzem Papier und in kyrillischen Lettern ein Kommentar des Künstlers:

„Falt-Rollo-Kunst/
Das Unbegreifliche der Zeit liegt in ihrer Unfassbarkeit - ihre Größe im Auslöschen fast aller Dinge. Alle Kunstbemühungen seit der Spätklassik sind Teil einer riesigen Spirale, welche die Zeit beliebig zusammendrückt und somit einiges verschwinden und in dessen Folge anderes zu Tage treten läßt. Also ist es an der Zeit die Fenster-Rollo-Art zu begründen. Das Rollo gehört zum Fenster; sein edelster Sinn besteht in der Abschirmung, der Abgrenzung und Verhüllung! Die Zeit fordert nun endlich ihren ihr gemäßen künstlerischen Ausdruck. Rainer Zille“ (Ausst. Kat., 1991)

Zille liefert damit eine ironische, da deutlich überzogene Huldigung an die vermeintlich große Kunst eines Fenster-Rollos. In der Sprache des sowjetischen Besatzers wirkt die Arbeit einmal mehr wie ein offizielles Manifest, dessen Ernsthaftigkeit gerade mit diesem Kniff genommen wird. Rainer Zilles „Falt-Rollo-Kunst“ entstand 1989 im Rahmen der Ausstellung „Bemalte Faltrollos (3)“ in der Galerie Haus 23 in Cottbus. Im Gegensatz zu anderen gezeigten Positionen diente das Faltrollo nicht als Mal- oder Zeichengrund, sondern als Teil einer konzeptuellen Arbeit in seiner rohen, unbemalten Form. Auffällig ist auch, dass der Künstler hier mit den Möglichkeiten der Objektkunst experimentierte, obwohl er sich seit seinem Studium an der HfBK Dresden fast ausschließlich der Malerei widmete. Insofern muss diese Arbeit unweigerlich als eine besondere Erscheinung im Gesamtœuvre des Künstlers gewertet werden.

Caroline Kühne, 2021

Literatur und Korrespondenz:
Ausst. Kat. Rollo: Kunst als Dekoration? Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus, 1991, S. 84.
Beschriftung
sign. u. r.: (Rainer Zille) [kyrillisch]; bez. o.: [Titel kyrillisch] / hinter beiden Fensterflügeln: [Text kyrillisch]
Bildrechte
© VG Bild-Kunst, Bonn 2022